Sachsentreffen im Herbst

Nach der letzten Vorlesung wird noch schnell ein Gefährte vom Hauptbahnhof abgeholt und ab geht’s zum Treffpunkt. Mittlerweile gehört so eine Zusammenkunft zu unserem Alltag, wie der Nebel zum Herbst. In ebendieser Naturerscheinung sieht der typische Charakter der Masse ein graue Wand der Monotonie. Wir sehen die Mystik und das Verborgene. Dort wo alle das diesige Wetter scheuen, wagen wir uns in die Kälte. Dort wo der Nebel des Nihilismus die Leute orientierungslos macht, suchen wir nach einer Lichtung.

 Auf der Hinfahrt wird mir bewusst, dass dies keine folgenlose und austauschbare Allerweltshandlung ist. Allein durch die Bereitschaft uns zu treffen, betreten wir besonderes Gebiet, verlassen die Norm und nehmen uns ein Stück Freiheit. Sei es auch nur ein winziges Stückchen, so wird es wenigstens eine Randnotiz der Geschichte und eines ist sicher – kein Buch wird ohne Notizen geschrieben.

Deswegen treffen sich alle sächsischen Ortsgruppen – Leipzig, Dresden, Görlitz und Bautzen. Es wird gemeinsam einem Vortrag gelauscht, geplant, gelacht und philosophiert. Im Kessel köchelt eine deftige Gulaschsuppe, während der sanfte Schein des Feuers unseren Atem sichtbar werden lässt. Unter dem Mondglanz klingt der Abend in Volksliedern aus.

Nach einer Nacht im, von einem urigen kleinen Ofen erwärmten, buckligen Gemäuer eines alten Bauernhäuschens, hat sich die Landschaft um die Flussniederung in ein kristallnes Raureifkunstwerk verwandelt. Manchmal ist das Leben im Widerstand schon hart, fordert immer wieder Überwindung und Durchhaltevermögen. Das jedoch sind die Augenblicke, die einem Kraft geben und in denen man sich wahrhaftig lebendig fühlt. Keine Party, kein Rausch und kein Computerspiel können sie ersetzen. Denn all das sind nur künstliche Simulationen und kurzweiliges Scheinglück in einer Welt, die von Konsum beherrscht wird und durch ihn beherrschbar ist.

Die Weiden am Ufer tragen Blätter, verlieren sie wieder und  manchmal bedeckt sie solch ein weißes Kleid aus gefrorenen Wassertröpchen. Doch sie bleiben stets die gleichen, jedem Sturm und jedem Hochwasser trotzenden, Bäume. Ein Sinnbild für die Quintessenz dieses herbstlichen Treffens. Keine Oberflächlichkeiten werden uns langfristig helfen. Wer grundlegende Veränderung will, muss sich auf die Tiefe besinnen.

Wir sind kein Unkraut, dass schnell wächst und umso rascher vergeht. Wir sind eine langsam, aber stetig wachsende Eiche mit einem standhaftem Stamm und hartem Holz. Unsere Bewegung wird stark durch Gemeinschaft, Professionalisierung und Ausbildung, Talentförderung und Leidenschaft. Wir sind kein Trend und keine Modeerscheinung. Wir sind die beständige Antwort auf eine Zeit der Kurzlebigkeit.